Willkommen bei unserem Verlag!
Free Call

Und manchmal machen sie, was sie wollen

Unsere Autorin Martina Berscheid erzählt über ihre Charaktere

Literarische Charaktere sind für mich enorm wichtig. So faszinierend und spannend der Plot einer Geschichte auch ist: Bleiben die Charaktere unscharf, gleicht die Story zwar einem guten Essen, dem es jedoch an Würze fehlt.

Figuren sorgen für Identifikation, sie nehmen die Leser bei der Hand und ziehen sie regelrecht in die Geschichte hinein. Hass, Leiden, Liebe, Wut: all das empfinden die Leser bei einem gut ausgearbeiteten Charakter mit. Dabei muss dieser nicht unbedingt sympathisch sein – interessieren, neugierig machen, fesseln muss er.

Die Geschichte entwickelt sich um die Figuren herum

Bei den meisten meiner Geschichten entwickelt sich der Plot um die Figuren herum. Sie sind es, die ich zuerst im Kopf habe, die ich wie in einem Film vor mir sehe. Ich lerne sie langsam kennen, bis ich weiß, welche Haarfarbe sie haben, ob sie eine Leidenschaft für Schokolade besitzen oder eine Schwäche für Rotwein. Ob sie unter der Dusche singen oder beim Autofahren oder nie. Ob sie introvertiert sind, optimistisch oder melancholisch.

Ausgehend von den Figuren wächst dann die Geschichte, verästelt und verzweigt sich, bis ich den gesamten Plot vor Augen habe. Und währenddessen werden meine Charaktere zu Vertrauten, ich kenne ihre Ängste und Sehnsüchte, ihre Stärken und Schwächen. Berechenbar sind sie dadurch jedoch keineswegs. Wie Kinder machen sie oft, was sie wollen, haben partout keine Lust, sich innerhalb der von mir gesteckten Grenzen zu bewegen: Statt das Gegenüber wütend anzuschreien, verlässt eine Figur einfach den Raum. Statt nachzugeben, packt der Protagonist den Antagonisten plötzlich am Kragen. Statt ihren Mann zu hassen, weil er sie betrogen hat, liebt meine Hauptfigur ihn trotzdem.

Autorin-Martina-Berscheid-mittel

Dies ist eine Facette des Schreibens, die ich besonders liebe: Wenn die Figuren und damit die Geschichte eine Eigendynamik entwickeln, sich wie von selbst verändern. Es kam schon vor, dass sich ein Charakter während des Schreibens so sehr gewandelt hat, dass ich ihm einen anderen Namen geben musste – der alte hat einfach nicht mehr gepasst.

Die Liebe zu jedem Charakter

Ich habe zwei Romanmanuskripte und mehr als 100  Kurzgeschichten verfasst, und ich mag jeden meiner Charaktere darin – die Guten und die Bösen. Manche sind mir jedoch besonders ans Herz gewachsen. Das sind vor allem Einzelgänger, sozial Abgehängte, Introvertierte und jene, die sich in unserer Gesellschaft nicht aufgehoben fühlen.

Auf Lesungen werde ich manchmal gefragt, ob ich mich hinter den Figuren verberge, ob ich von mir schreibe. Die Antwort ist: Nein. Und ja.

Natürlich sind meine Figuren erfunden, und in meinen Geschichten dokumentiere ich nicht mein eigenes Leben. Dennoch spiegeln meine Charaktere auch eigene Beobachtungen, Erfahrungen und Anschauungen – oder das genaue Gegenteil davon. Und so steckt in jedem von ihnen ein Teil von mir – sei es eine untergewichtige Alleinerziehende, ein Junge, der seinen von der verfeindeten Jugendgang getöteten Freund rächen will oder ein von Liebeskummer geplagter Krippenbauer: manchmal nur ein Funke, manchmal, wie ich hinterher erstaunt feststelle, ganz schön viel.

© Martina Berscheid, 2018

Im Juni erscheint Martinas Roman „Das Echo unseres Schweigens“.